Unbestellte Bilder
An einem Mittelmeerstrand bei Marina di San Nicola, Ende August 2020. Die letzten Badegäste waren gegangen, die Nachtfischer bereiteten ihre Grundruten vor. Im Hintergrund das Luxushotel „La Posta Vecchia“, in warmem Licht. Weil ich kein Stativ dabei hatte, stellte ich die Kamera auf einen weißen Holzpfahl in Gürtelhöhe. Langzeitbelichtung, 30 Sekunden.
Danach war der Fischer fast verschwunden, nur eine durchscheinende Spur war von ihm geblieben, eine Andeutung. Die Angel stand scharf, das Haus leuchtete, das Wasser war seiden geworden. Darum hätte es gehen sollen. Doch nun war da dieser Geist im Vordergrund. Das war nicht geplant. Ich hatte etwas anderes erwartet.
Kein Prompt der Welt würde lauten: „Mach den Fischer durchsichtig, aber lass die Angel stehen." Wer einer Bild-KI diesen Strand beschreibt – „Dämmerung, Mittelmeer, Fischer, Villa im Hintergrund" –, bekommt ein stimmungsvolles Bild zurück. Sofort, makellos, ohne Umweg. Die Maschine kennt keine falschen Starts. Sie ist nicht zu überraschen und scheitert nicht. Darum kann sie auch nichts entdecken. Was sie erzeugt, ist verwaltete Erwartung: eine Bestellung, die abgeglichen, statistisch optimiert und ausgeliefert wird. Ein guter Service.
David Duchemin, ein Fotograf, der viel über das Sehen nachdenkt, beschreibt den Vorgang von der anderen Seite. Die besten Bilder, schreibt er, stehen am Ende einer Sequenz von Versuchen, nicht am Anfang. Entdecken wird sie nur, wer durch das Offensichtliche hindurcharbeitet. Wer seine Erwartungen scheitern lässt, wird sehen, was tatsächlich da ist.
Ivan Illich hat die Unterscheidung zwischen Erwartung und Hoffnung in den Rang einer zivilisatorischen Diagnose erhoben. Erwartung richtet sich an Institutionen, die liefern sollen: Schulen, Krankenhäuser, Verkehrssysteme. Hoffnung dagegen ist Offenheit für das, was nicht bestellt werden kann: die Überraschung, das Geschenk, das Unverfügbare. Moderne Gesellschaften, so Illichs Kritik, ersetzen systematisch Hoffnung durch Erwartung. Sie bauen Maschinen, die liefern, und eliminieren dabei den Raum, in dem Überraschung überhaupt erst möglich wird.
Die Bild-KI ist die radikalste dieser Maschinen. Sie liefert nicht nur das Bestellte, sondern simuliert den Anschein einer Entdeckung, die nie stattgefunden hat. Ihre Bilder sehen aus wie das Ende eines Prozesses. Aber es gab gar keinen Prozess. Kein Gehen, kein Scheitern, kein Umdenken. Keine Überraschung. Nicht einmal die Möglichkeit einer Überraschung.
Wer fotografiert, übt etwas, das strukturell Hoffnung ist. Ich gehe hinaus, ohne zu wissen, was kommt. Lasse meine Vorstellungen am Widerstand der Welt zerschellen. Und finde etwas, das ich nicht bestellt hatte. Hoffnung statt Erwartung – das ist mehr als eine Methode, es ist Haltung: praktische Geduld.
Verwaltete Erwartungen oder überwundene Erwartungen – vielleicht ist das die knappste Formel für den Unterschied zwischen einem KI-Bild und einer Fotografie. Der Unterschied ist am einzelnen Bild oft nicht ablesbar. Aber am Werk, an der Sequenz, an der spürbaren Tatsache, dass da jemand gesucht hat. Und nicht wusste, was er finden würde.
Auch dieser Text war nicht bestellt. Er begann mit einer offenen Frage an eine Maschine, die gebaut ist, um Erwartungen zu verwalten. Dass dabei etwas entstand, das ich nicht erwartet hatte, liegt nicht an der Maschine, sondern daran, dass ich sie benutzt habe wie ein Fotograf seine Kamera: als Anfang eines Prozesses, nicht als dessen Ende.