Hiob in Umbrien
I.
Manchmal zerbricht das Leben – manchmal in wenigen Minuten.
Danach ist nichts mehr wie vorher. Du hältst die Scherben in der Hand und fragst dich, wie daraus noch mal etwas Ganzes werden soll.
Ich möchte Ihnen heute morgen drei Menschen vorstellen, deren Leben durch die Erfahrung von Leid und Schmerz grundlegend verändert wurde.
Vom ersten erzählt ein Buch aus dem Alten Testament. Er lebte vor etwa 2800 Jahren im Lande Uz im heutigen Arabien. Sein Name: Hiob.
Die zweite – Faustina – ist weniger bekannt. Sie betreibt eine Pension in Umbrien, wo meine Frau, meine Kinder und ich im letzten Jahr eine Woche unserer Sommerferien verbrachten.
Schließlich Franz von Assisi, der ebenfalls in Umbrien zuhause war, allerdings 800 Jahre vor Faustina.
Drei Menschen, deren Leben zutiefst beschädigt wurde. Und die dennoch nicht verzweifelt sind, sondern Gott und die Welt noch einmal neu entdeckt haben.
II.
Im Lande Uz. 800 Jahre vor Christi Geburt.
Ein Mann sitzt in einem Schutthaufen. Mit einer Scherbe kratzt er sich die Geschwüre auf, die unerträglich jucken. Vor wenigen Tagen noch war sein Leben in Ordnung.
Hiob, so erzählt das gleichnamige Buch im Alten Testament, war ein frommer Mann, aufrichtig und gerecht. Sein Leben: Rundum gelungen. Sieben Söhne, drei Töchter und riesige Viehherden. Von einem war Hiob überzeugt: Sein Lebensglück war kein Zufall, sondern Folge seines gerechten Lebenswandels. Hiob glaubte: Mein eigenes Handeln bestimmt, wie es mir ergeht. Hiob glaubte an einen engen Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen, zwischen Lebenspraxis und Lebensgeschick. Weil er fromm und gerecht war, deshalb ging es ihm so gut.
Aber dann kommt es Schlag auf Schlag. In kürzester Zeit erreicht ihn eine schreckliche Botschaft nach der anderen: Die Viehherden gestohlen, das Gesinde erschlagen, die Söhne und Töchter unter einem eingestürzten Haus begraben. Hiobsbotschaften.
Zunächst scheint es, als füge sich Hiob in dieses Schicksal. Dann aber wird er selbst krank, der ganze Körper übersäht von Geschwüren. Halbnackt sitzt er da, kratzt sich mit der Scherbe und streut sich Asche auf den Körper, um den Juckreiz zu stillen. Jetzt ist Hiob ein gebrochener Mann. Endgültig.
Drei Freunde sind gekommen, drei seiner besten Freunde, um ihn zu trösten.
Aber sie erkennen ihn kaum wieder. Sie setzen sich zu ihm. Sieben Tage und sieben Nächte. Schweigend.
III.
Umbrien, im Juli 2000.
Wir sitzen am Rande des Swimmingpools zwischen Olivenbäumen. Von hier oben kann man sogar die Basilika von Assisi erkennen, wo der heilige Franz begraben liegt. Faustina, die Besitzerin unserer kleinen Pension, schwimmt ruhig eine Bahn nach der anderen. Sie genießt es lautstark: “Che bello” ruft sie immer wieder, “troppo bello”. Einfach wunderbar!
Das stimmt. Es ist wirklich wunderbar hier, das Wasser, der Olivenhain, die Sonne, der Blick ins Tal, das Haus.
“Seit wann haben Sie dieses Haus eigentlich?” frage ich sie.
Faustina lässt ihre Arme über den Beckenrand baumeln.
“Vor 15 Jahren haben wir es entdeckt. Es war ziemlich heruntergekommen.
Aber es war genau das, was wir immer gesucht haben. Hier in der Nähe von Assisi. In der Nähe zum heiligen Franziskus. Das ist eine ganz besondere Atmosphäre. Also haben wir kurzerhand unsere Wohnung in Mailand verkauft und sind mit den Kindern in dieses Haus gezogen. Ich habe es noch keine Minute bereut.”
Faustinas Sohn hat sich angezogen. Er tritt mit seiner Freundin an den Beckenrand, um sich zu verabschieden.
“Fahrt vorsichtig” sagt Faustina. Und dann: “Dio vi bendedica.”
“Gott segne euch”. Das ist schnell gesagt in Italien. Aber in diesem Gespräch zwischen Mutter und Sohn ist es anders. Man spürt es förmlich: Diese Frau da im Schwimmbecken mit der roten Badehaube auf dem Kopf segnet diese beiden jungen Menschen wirklich. Sie bemerkt meinen Blick und lächelt mir zu.
Am Abend erzählt sie uns dann die andere Seite ihrer Lebensgeschichte.
“Unsere Tochter ist gestorben. Genau zwei Monate nach ihrem 18. Geburtstag. Wir kamen aus Perugia. Es war Mitte Dezember und etwas glatt, aber sie fuhr ganz langsam. In einer Kurve gleich hier unten kam der Wagen dann von der Straße ab. Der Aufprall war überhaupt nicht schlimm. Ich selbst war unverletzt. Aber meine Tochter hatte sich das Genick gebrochen. Es war nichts zu sehen, aber sie war tot. Und mein Leben von einem Moment zum anderen dunkel. Schwarz wie die Nacht."
IV.
Im Lande Uz. Sieben Nächte später.
Hiob hebt den Kopf und spricht endlich aus, was alle sich fragen: Warum? Warum muss ausgerechnet ich so geschlagen werden?
Das Hiobbuch beschreibt, wie Menschen um eine Antwort auf diese Frage ringen. Am Anfang ist es noch ein Gespräch zwischen Hiob und seinen Freunden. Aber nach und nach kommt es zum handfesten Streit. Dabei sind sich die Freunde in einem völlig einig: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen, zwischen meinem Handeln und dem, was mir widerfährt.
Vielleicht ist das nicht unmittelbar erkennbar. Aber am Ende sorgt Gott dafür, dass es den Gerechten gut geht und den Ungerechten schlecht.
Der älteste der Freunde, Elifas, bringt es noch mal auf den Punkt:
Wer verdarb je unschuldig? Wo wurden Gerechte vernichtet? Soviel ich gesehen habe, ist es doch so: Die Unrecht pflügen und Unheil säen, die ernten es auch. (Hiob 4,7+8)
So soll es sein. Darin stimmen Hiob und die Freunde überein.
Aber sie ziehen unterschiedliche Konsequenzen aus dieser Grundüberzeugung.
Für die Freunde folgt daraus, dass Hiob übel gehandelt haben muss, wenn es ihm jetzt übel ergeht. Für Hiob folgt aus der derselben Überzeugung, dass Gott seiner Aufgabe offenbar nicht nachkommt, ja dass er Unrecht tut, wenn er ihn, den Gerechten und Frommen, derart straft.
Die Freunde bedrängen ihn, im eigenen Leben nachzuschauen. Es muss einen Grund geben für das eigene Schicksal, einen Sinn. Einen Grund und einen Sinn auch für Hiobs Schicksal.
Das erinnert mich daran, wie heute oft über Krankheiten gesprochen wird.
Wer bloß verschnupft ist, muss sich fragen lassen, wovon er denn die Nase voll habe. Und wie schnell wird darüber geredet, dass der Krebs der Nachbarin doch wohl kein Zufall sei.
Das lässt sich Hiob nicht anhängen. Nein, er ist nicht verantwortlich für sein Unglück und seine Krankheit. Hiob besteht auf seiner Unschuld. Er sieht keinen Grund, keine Ursache im eigenen Verhalten. Er sieht keinen Sinn in seinem Leid. Und je länger ihm die anderen einzureden versuchen, er selbst sei für sein Leid verantwortlich, umso heftiger werden seine Vorwürfe gegen Gott. Am Ende erscheint er Hiob wie ein Feind, der seine Vernichtung mit militärischen Mitteln plant.
Hiob fordert einen Prozess gegen Gott. Seine Anklage lautet:
In der Welt herrscht Chaos. Und Gott selbst herrscht als Verbrecher über dieser chaotischen Welt.
Gott verteidigt sich:
Da antwortete Jhwh aus dem Wettersturm und sprach: ‚Wer ist es, der den Plan verdunkelt mit Worten ohne Wissen? ... Wo bist du gewesen, als ich die Erde gründete? Wer setzte die Maße – du weißt es ja offenbar! (Hiob 38,1ff.)
Das Erstaunliche ist: Gott gibt keine Erklärung für Hiobs Leiden. Er antwortet jedoch auf den Vorwurf, eine chaotische Welt geschaffen zu haben. Nein, diese Welt ist kein Chaos. Aber sie ist auch nicht allein auf die Bedürfnisse des Menschen zugeschnitten.
Die Schöpfung ist größer, weiter, vielfältiger. Sie beherbergt auch chaotische Mächte, die dem Menschen gefährlich werden können. Für sie stehen im Hiobbuch die mythologischen Ungeheuer Behemoth und Leviathan. Zwei riesige Tiere, die an überdimensionale Krokodile und Nilpferde erinnern. Auch diese menschenfeindlichen Tiere gehören zur Schöpfung. Genauso wie Vulkane, Stürme und Erdbeben – und der Frost in einer dunklen Nacht. Auch das alles hat Gott geschaffen. Um der Vielfalt und der Schönheit willen.
Gott will nicht, dass Menschen leiden. Aber er will auch keine andere Schöpfung, die nur noch auf menschliche Bedürfnisse zugeschnitten ist.
Gott gibt sich alle Mühe, die chaotischen Mächte im Zaum zu halten.
Er hält den Leviathan sozusagen im Schwitzkasten. Der Gott, der zu Hiob spricht, ist keiner, der die Welt mit leichter Hand regiert. Er kämpft um sie.
Die Schöpfungsgeschichte ist auch eine Passions-Geschichte, eine Leidensgeschichte, die Geschichte von Gottes Leidenschaft für die Welt.
Nachdem Hiob das verstanden hat, nimmt er Abstand von dem Prozess.
Sein Fall bleibt unentschieden. Es bleibt ungeklärt, warum gerade ihm das alles widerfahren ist. Aber: Hiob verzichtet jetzt darauf, seine Geschichte zum Maßstab der ganzen Welt zu machen.
Fazit des Buches Hiob: Es gibt chaotische Elemente in der Welt, aber die Welt ist nicht als ganze chaotisch. Es gibt sinnloses Leid in dieser Welt. Aber in dieser Welt gibt es auch das Wirken eines leidenschaftlichen Gottes, das Leiden möglichst gering zu halten. Sonst sähe diese Schöpfung anders aus.
Gottes Verteidigungsrede klingt in meinen Ohren wie ein Werben um Hiob.
In einem Midrasch, einem jüdischen Bibelkommentar, heißt es, dass auch Gott trauerte, als Hiob ihm ferne war: Ihre Beziehung stand von beiden Seiten auf dem Spiel.
Gott wirbt um Hiob, und er möchte ihn wieder auf seine Seite locken.
Er möchte ihn dabei haben, wenn er dem Chaos neues Leben abringt.
Hiobs Protest gegen sinnloses Leiden – von Gott wird er verstanden.
V.
Zurück in Umbrien.
Faustina stützt sich auf die große Hacke, mit der sie die Erde zwischen den Olivenbäumen gelockert hat. Sie wischt sich den Schweiß von der Stirn.
“Man muss arbeiten. Es ist das ist das einzige, was wirklich hilft.
Am besten in der Erde.”
Dann sagt Faustina einen Satz, der mich seit letztem Sommer begleitet:
Den Tod meiner Tochter habe ich nur verkraften können, indem ich ein Teil des Schmerzes der Welt geworden bin.
Im Stillen denke ich ihren Satz weiter ...
... Teil des Schmerzes der Welt werden ...
Der Schmerz ist größer als du. Er ist nicht nur dein eigener. Er reicht bis in Gott hinein. Und dort wird er verwandelt in neues Leben. Christinnen und Christen spüren diesen Zusammenhang von Leid und neuem Leben in der Person Jesu Christi. Auch Jesus leidet und stirbt ohne jede Schuld. Aber Gottes Leidenschaft für die Welt schafft sogar noch aus dem Tod neues Leben: Jesus ist auferstanden.
Die Passionsgeschichte ist auch eine Schöpfungsgeschichte.
VI.
Faustina schaut hinunter in die Valle Umbra. Ein selten schönes Tal. Sie schüttelt den Kopf. Troppo bello!
Während wir schweigen, denke ich an Franz von Assisi. Den armen, abgerissenen Heiligen, der vor 800 Jahren durch dieses schöne Tal gezogen ist. Wahrscheinlich kommt er mir in den Sinn, weil in seinem Leben Schmerz und Glück, Leid und Lob ähnlich nahe beieinander lagen wie bei Faustina, wie bei Hiob, ja: wie bei Christus.
Der lebenslustige Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns war eines Tages ohne jede Vorankündigung in eine tiefe Depression gefallen. Nach Wochen und Monaten, in denen er von dunklen Ängsten geplagt wurde, beschließt Franziskus, das bequeme unglückliche Leben zu verlassen. Die weichen Kleider tauscht er mit einem Jutesack und zieht in eine Höhle im Wald. Ganz bewusst setzt sich Franz von nun an gerade den Erfahrungen aus, vor denen er die größte Angst hat: Einsamkeit und Krankheit. Er geht zu den Leprakranken, küsst ihnen die Hand. Und erfährt mitten in der Angst, mitten im Schmerz eine Verwandlung.
“Bitteres wird süß.” So beschreibt er selbst diese Erfahrung. Wobei wir uns unter dem Süßen keine Schokolade vorstellen dürfen. Das italienische Wort “dolcezza” meint vielmehr so etwas wie Sanftheit oder Milde. Plötzlich ist Franz von “Zärtlichkeit für die Welt erfüllt.”
Er spricht mit den Vögeln, wirft den gefangenen Fisch wieder ins Wasser und lobt Bruder Sonne und Schwester Mond für ihren täglichen Beistand.
Franz entdeckt die Welt noch einmal neu. Er spürt, dass alles, was ist, zusammengehört: Eine große Lebens- und Leidensgemeinschaft.
Sogar einen Wolf, der die Stadt Gubbio in Angst und Schrecken versetzt, nennt er seinen Bruder. Dieser Wolf ist Franzens Leviathan. Er spricht und schimpft mit ihm. Dann überzeugt er die Bewohner der Stadt, auch dem wilden Tier einen eigenen Lebensraum zuzugestehen und es zu füttern.
Auf diese Weise kehrt Frieden ein zwischen den Kreaturen.
Franz ist einer, der den Wolf umarmt. Selbst den chaotischen Elementen fühlt er sich verwandt. Auch sie sind ihm Brüder und Schwestern.
Dann wird Franziskus krank. Chronische Malaria, ein Milztumor, mehrere Magen- und Darmgeschwüre und ein Trachom, eine schmerzhafte Augenentzündung. Als er fast blind ist, beginnt er zu dichten und zu singen.
Im Sommer des Jahres 1225, ein Jahr vor seinem Tod, zieht er sich für fünfzig Tage in eine kleine Hütte im Gärtchen der Kirche San Damiano zurück.
Seinem Bruder Pacifico diktiert er das “Lied der Kreaturen”. Der “Sonnengesang” ist das erste Gedicht in italienischer Sprache, von dem der Verfasser bekannt ist.
Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
besonders dem Herrn: Bruder Sonne,
der uns den Tag schenkt und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
von dir, Höchster, ein Sinnbild.
Gelobt seist du, mein Herr,
für Schwester Mond und die Sterne,
am Himmel hast du sie geformt,
klar und kostbar und schön.
Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Wind,
für Luft und Wolken, heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deine Geschöpfe am Leben erhältst.
Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Wasser,
sehr nützlich ist sie und demütig und kostbar und keusch.
Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Feuer,
durch den du die Nacht erhellst.
Und schön ist er und fröhlich und kraftvoll und stark.
Gelobt seist du, mein Herr,
für unsere Schwester Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt,
mit bunten Blumen und Kräutern.
VII.
Für diese Schöpfung wirbt Gott jeden Morgen neu. Eine wunderbare Schöpfung – trotz alledem.
“Jetzt hat mein Auge dich geschaut”, antwortet Hiob. Faustina lächelt.
Der gekreuzigte Christ ist erstanden. Die Wundmale sind aber noch zu sehen. Vergessen ist nichts: Kein Leid, keine Sinnlosigkeit. Der Wolf liegt noch immer vor der Stadt. Der Leviathan ist weiter im Schwitzkasten Gottes. Und die Kinder Hiobs fehlen nach wie vor.
Faustina führt mich an den Rand des Gartens. Dort steht eine Schaukel.
Ein Mädchen sitzt darauf und schaut ins Tal hinunter. Die Schaukel bewegt sich nicht. Faustinas Mann, ein Bildhauer, hat diese Skulptur angefertigt.
Sie ist aus Bronze. Bronze hält Tausende von Jahren. So lange ist auch Hiobs Klagen jetzt schon zu hören. So lange soll Faustinas Tochter nicht vergessen werden. So lange wird das Mädchen auf der Schaukel aber auch in die Valle Umbra hinunterschauen und uns daran erinnern, wie einer gesungen hat mitten im Schmerz. Franziskus.
VIII.
Manchmal zerbricht das Leben – manchmal in wenigen Minuten.
Danach wird es nie mehr ganz.
Aber es kann Teil eines größeren Ganzen werden.
Dafür wirbt Gott – mit Menschen wie Faustina
wie Franz von Assisi
wie Hiob ... und wie Christus.