Ich würde lieber über Aale sprechen
Lieber würde ich – wenn ich etwas zu den Herausforderungen durch Flucht und Migration sagen soll – über Bäume sprechen. Die langsame, aber ständige Migration der Bäume.
„Bäume rennen gerade weg", sagte kürzlich der englische Kognitionsforscher und Installationskünstler James Bridle. In der Klimaforschung spricht man von „marching trees". Wir könnten auch sagen: Die Bäume fliehen gerade. Jedenfalls passen sie sich veränderten Lebensbedingungen an – durchs Umziehen, durchs Weggehen, durch Mobilität.
Die Weißtanne etwa, einst ein Baum der feuchten Mittelgebirge, zieht sich schon seit einiger Zeit still – und ganz ohne Visum – nach Norden zurück. Ihre Sämlinge verdursten in den trockener werdenden Tälern des Schwarzwalds, während sie in den höheren Lagen Südskandinaviens neue Orte findet, wo Nebel und Kühle sie noch tragen. Sie wandert, kaum merklich, etwa fünfzig Meter im Jahr – aber sie wird schneller. Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung haben berechnet, dass die Weißtanne ihr Verbreitungsgebiet in diesem Jahrhundert um bis zu 500 Kilometer nach Norden verschieben könnte. Das würde das Gesicht eines ganzen Kontinents nachhaltig verändern.
Ein anderes Beispiel: die Birke. In Skandinavien steigt sie Gletscherschluchten hinauf, besiedelt Schuttfelder und entlassene Eisböden, wo das Licht des Nordens wieder härter wird. Sie flieht eigentlich nicht, sie folgt eher: der Kälte, dem Wasser, der Möglichkeit zu atmen.
Die Bäume nehmen ihr Recht wahr, dorthin zu gehen und dort zu leben, wo Leben möglich ist. Sie nehmen es ganz selbstverständlich in Anspruch, solange wir sie lassen. Und wir tun gut daran, sie zu lassen – ihnen zu erlauben, sich neuen Lebensbedingungen anzupassen, woanders bleiben und weiterleben zu können.
In der Migration der Bäume zeigt sich etwas, das wir vermutlich alle wieder lernen müssen: dass Leben kein Besitz ist, sondern eine Bewegung. Dass Verwurzelung und Wanderung keine Gegensätze sind, sondern zwei Gesten desselben Erdenlebens. Dass das, was wir „Migration" nennen, nur die sichtbare Form einer viel tieferen planetarischen Bewegung ist – einer Suche nach Bewohnbarkeit, die uns alle betrifft und die allen Spezies gemeinsam ist.
Fast noch lieber allerdings würde ich über den Aal sprechen, dieses bemerkenswerte Wesen, das durch seine Wanderung überhaupt erst wird, was es ist.
In der Sargassosee geboren, beginnt seine lebenslange Migration sofort. Und niemand weiß genau, warum. Wie einst Abraham scheint der Aal sich in ein unbekanntes Land gesandt, gerufen zu fühlen. Vielleicht auch gezogen durch eine uns unbekannte Kraft. Und so lässt er sich – fast durchsichtig noch – von einer Strömung tragen, auf und davon, über tausende Kilometer hinweg, durch Ozeane und Flüsse, durch Salziges und Süßes, aus dem Dunkel ins Licht, bis er schließlich ankommt – in Europa. Aber auch dort wird er nicht für immer bleiben.
Erwachsen geworden werden Aale offenbar noch einmal weggezogen von einer unbekannten Kraft, vielleicht auch gelockt von einem Geruch. Jedenfalls schwimmen sie wieder los, noch einmal auf und davon, in ein Woher, an das sie sich vielleicht noch erinnern können. Dort wurde er geboren, dort wird er laichen und dort wird er sterben. Trotzdem ist es der Forschung bis heute nicht gelungen, auch nur einen einzigen Aal beim Paaren, Laichen oder Sterben zu beobachten. Vielleicht, weil all das in einer Tiefe stattfindet, die uns nicht zugänglich ist.
Geheimnisvoll auch, dass sich der Aal während seiner Wanderungen immer wieder verwandelt. Augen, Blut, Geschlecht, alles entsteht erst unterwegs. Migration ist seine Art zu werden. Kein Ort genügt ihm, kein Zustand bleibt. Aale leben im großen Dazwischen, in einer stetigen Bewegung, die sie verwandelt.
Seit 70 Millionen Jahren gleitet der Aal durch Meere, Flüsse und Bäche. Uns Menschen, denen er seit gerade mal 300.000 Jahren begegnet, erinnert er daran, was es bedeutet zu leben: nicht sich festzuhalten, sondern den Strömungen zu folgen, die uns verwandeln werden, wenn wir ihnen trauen.
Was alle drei – Weißtannen, Birken und Aale – deutlich machen: Migration ist kein menschliches Sonderphänomen, sondern eine planetarische Reaktion auf veränderte Lebensbedingungen. Wenn das Klima sich wandelt, wandern alle – oder sie sterben.
Migration ist nicht die „Mutter aller Probleme“. Sie ist die Mutter allen Lebens auf diesem Planeten.
Das wussten auch schon die alten Geschichten. In der Bibel beginnt Glauben fast immer mit Bewegung. Abraham zieht aus, ohne zu wissen, wohin. Mose flieht und findet erst auf der Flucht seine Berufung. Maria sagt Ja zu einem Weg, den sie nicht kennt. Gottes Geschichte mit den Menschen ist eine Geschichte der Bewegung – von Menschen auf der Flucht und von anderen, die ihre Türen öffnen.
Israel musste lernen, dass Gott nicht nur im Tempel wohnt, sondern im Zelt, im Aufbruch, in der Wüste, in der Fremde. Im Exil entstand eine neue, tiefere Gottesbeziehung – jenseits aller Sicherheiten. Ruth, die Fremde aus Moab, findet ihre neue Heimat in einer Beziehung. Ihre Geschichte erinnert daran, dass Zugehörigkeit nicht aus Herkunft wächst, sondern aus Treue und Verbundenheit.
Der Hebräerbrief könnte auch den Aalen gefallen:
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."
Was würde es heißen, Migration so zu denken, wie Bäume und Aale sie leben?
Nicht als Ausnahmezustand, sondern als Normalität. Nicht als Bedrohung, sondern als Antwort auf veränderte Bewohnbarkeit. Nicht als etwas, das verhindert werden muss, sondern als etwas, das ermöglicht werden kann.
Wir könnten aufhören, Menschen daran zu hindern, das zu tun, was Weißtannen, Birken und Aale schon immer getan haben: dorthin gehen, wo Leben möglich ist. Wir könnten anfangen, die Frage anders zu stellen. Nicht: Wie halten wir Menschen auf? Sondern: Wie machen wir diese Welt bewohnbar – für alle, die sie bewohnen?
Das wäre keine Kapitulation. Es wäre klug. Die Bäume wissen das längst.
Die Aale wussten es schon immer.